Inhalt | "SCHOTTER WIE HEU (2002) von Wiltrud Baier und Sigrun Köhler lĂ€sst sich als âdokumentarischer Heimatfilm' fassen oder, wenn man diese Kategorie weich und undogmatisch nimmt, als âverschmitzterâ ethnografischer Film, der ein binnenethnologisches Interesse am Alltagsleben in einer dörflichen Gemeinschaft und den hier bestehenden sozialen Strukturen und Regeln des Zusammenlebens mit Elementen des Komischen verbindet. Ein Film ĂŒber Gammesfeld, ein auf dem Hochplateau der Hohenloher Ebene gelegener Ortsteil der baden-wĂŒrttembergischen Gemeinde Blaufelden, unweit der bayerischen Grenze: In dem 500-Einwohner-Dorf gibt es auĂer einer Kirche, einem EDEKA-Laden mit BĂ€ckerei, einer Kneipe, der Freiwilligen Feuerwehr, zwei FuĂballfeldern, einem Steinbruch und dem Schotterwerk auch ein Geldinstitut, die Raiffeisenbank Gammesfeld. Die hat den Ort bekannt gemacht und ihm zu einiger MedienprĂ€senz verholfen, ist sie doch die kleinste Bank Deutschlands und zugleich die letzte, die gĂ€nzlich ohne Computer oder Geldautomat auskommt. Der 70jĂ€hrige Fritz Vogt ist Kassierer, SekretĂ€r, Buchhalter und geschĂ€ftsfĂŒhrender Vorstand zugleich, erklĂ€rter AnhĂ€nger des Genossenschaftsprinzips und Antikapitalist, Nebenerwerbslandwirt wie viele hier und alles in allem wichtigster Mann im Dorf.
Von der Gammesfelder Raiffeisenbank ausgehend und um die LokalitĂ€ten Kneipe, Kirche, Edeka-Laden etc. als RĂ€ume des Sozialen herum, entwirft SCHOTTER WIE HEU die Topografie eines ĂŒberschaubaren Soziotops. Das Interesse richtet sich auf alle Bereiche des dörflichen Lebens, die reihum abgeschritten werden: Der Film beleuchtet die Funktionsweise der Bank und die alltĂ€glichen ArbeitsablĂ€ufe, aber auch Themen wie das Sparen aufs Traumauto, das âmoderne Schweinâ in der computergesteuerten Mastanlage und die Schwierigkeiten, eine Frau zu finden, mangelnde Freizeitangebote fĂŒr die Jugend, ihr fehlendes Interesse an den EhrenĂ€mtern im Gemeinderat, in der Kirche, beim Sportverein oder der Freiwilligen Feuerwehr, âneumodischeâ Rituale auf Polterabenden und Hochzeitsfeiern, Besuche vom Fernsehen, die Arbeit im Steinbruch, den Preis fĂŒr die Tonne Schotter und die von allen beschworene, von der Dramaturgie aber zunĂ€chst aufgeschobene âMuswieseâ, die das Dorf alljĂ€hrlich in Ausnahmezustand versetzt. Der âHeimatfilmâ zeichnet keineswegs das Bild einer dörflichen Idylle, sondern lĂ€sst die Einwohner berichten ĂŒber Eintönigkeit, Ehescheidungen, eine hohe Selbstmordrate, soziale Enge und Kontrolle, und er berĂŒhrt ein Tabu, das diese am liebsten ausgespart wissen möchten: den heftigen Zwist um eine vor Jahren geplante, aber nie gebaute Erdreichaufbereitungsanlage.
Neben der Vermessung der kleinen Welt geht es aber auch â diese motivische Linie wird zu Beginn etabliert und gewinnt in Folge mehr und mehr Kontur und komische Zuspitzung â um das Eindringen des Filmteams in den Ort, um die Irritationen, die das Aufeinandertreffen von Dörflern und Medienmenschen, von Einheimischen und Fremden erzeugt, und die zum Teil verqueren Interaktionen und Interventionen, die sich daraus ergeben. Der Film dokumentiert wie nebenher den Prozess einer sozialen AnnĂ€herung, das Aushandeln der Rollen von Filmemacherinnen und Gefilmten vor laufender Kamera â und kehrt darĂŒber seinen partizipatorischen, ethnografischen Ansatz hervor." (aus: Hartmann 2012)
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